Wechseljahre und Schulterschmerzen: Wenn die Schulter nicht mehr alles trägt

Akupunktur bei Schulterschmerzen, Heilpraktikerin Gabi Fischer-Lind

Wechseljahre und Schulterschmerzen: Wenn die Schulter nicht mehr alles trägt

Wenn der Arm plötzlich nicht mehr in den Jackenärmel will

Es fängt oft unspektakulär an. Der BH-Verschluss am Rücken wird zur Geduldsprobe. Der Griff ins obere Regal zieht. Nachts wachst du auf, weil du auf der falschen Seite liegst. Und irgendwann merkst du: Die Verspannung, die sich früher nach einer guten Nacht oder einer Runde Bewegung von selbst gelöst hat, bleibt einfach da.

In meiner Praxis höre ich diese Geschichte sehr häufig, und auffallend oft von Frauen zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig. Schulterschmerzen in den Wechseljahren sind kein Zufall und auch kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch gemacht hast. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was in dieser Zeit im Körper passiert. Und ein Stück weit auch, was im Leben passiert.

Die „Fünfzigerschulter“: was Japan schon lange weiß

Im Japanischen gibt es für die schmerzhaft steife Schulter ein eigenes Wort: Gojūkata, wörtlich die „Fünfzigerschulter“. Wer etwas früher dran ist, hat eine Shijūkata, eine „Vierzigerschulter“. Der Begriff ist alt. Schon ein Wörterbuch der Umgangssprache von 1797 beschreibt, dass Menschen um die fünfzig Schmerzen in Arm und Schulter bekommen, die nach einiger Zeit von selbst wieder vergehen. Auch in der chinesischen Medizin ist die „Schulter der Fünfzigjährigen“ ein fester Begriff.

Der Name bezieht sich auf das Lebensalter, nicht ausdrücklich auf die Wechseljahre, und er meint Männer genauso wie Frauen. Trotzdem ist die Beobachtung dahinter bemerkenswert: Seit Jahrhunderten fällt Menschen auf, dass die Schulter genau in dem Lebensabschnitt streikt, in dem sich bei Frauen hormonell am meisten verändert. Dazu passt, dass Schultersteifigkeit in Japan zu den Beschwerden gehört, die Frauen in den Wechseljahren besonders häufig nennen, häufiger als die bei uns so bekannten Hitzewallungen.

Was Hormone mit Sehnen, Kapseln und Gelenken zu tun haben

Östrogen ist viel mehr als ein Fortpflanzungshormon. Es wirkt auf fast alle Gewebe des Bewegungsapparats: Knochen, Muskeln, Sehnen, Bänder, Knorpel. Es bremst Entzündungen und beeinflusst, wie elastisch und belastbar unser Bindegewebe ist. Wenn der Östrogenspiegel in der Perimenopause schwankt und später sinkt, verändert sich deshalb der ganze Körper mit.

Eine Gruppe von Orthopädinnen und Orthopäden hat dafür 2024 einen eigenen Namen vorgeschlagen: das muskuloskelettale Syndrom der Menopause. Nach ihrer Übersichtsarbeit erleben über 70 Prozent der Frauen in dieser Lebensphase Beschwerden an Muskeln und Gelenken, etwa ein Viertel davon stark. Die Frozen Shoulder wird dort ausdrücklich mit aufgeführt. Oft zeigt die Bildgebung dabei gar keine auffälligen Befunde, und die Frau bleibt mit dem Gefühl zurück, sie bilde sich das ein. Das tut sie nicht.

Speziell zur Schulter gibt es eine erste Studie der Duke University mit knapp 2.000 Frauen zwischen 45 und 60. Frauen ohne Hormontherapie hatten dort etwa doppelt so häufig eine Frozen Shoulder wie Frauen mit Hormontherapie (7,65 gegenüber 3,95 Prozent). Das ist eine vorläufige Auswertung von Krankenakten mit einer kleinen Hormongruppe und kein Beweis. Aber sie stützt, was viele von uns in der Praxis sehen: Das Gewebe wird in dieser Zeit trockener, fester, weniger nachgiebig, und es erholt sich langsamer.

So erkläre ich es meinen Patientinnen: Die Verspannung war vermutlich schon lange da. Dein Körper hat sie nur jahrelang ausgeglichen, mit Bewegung, mit Schlaf, mit einem Gewebe, das viel verziehen hat. Diese Reserve wird jetzt kleiner.

Schulter-Arm-Syndrom, Impingement-Syndrom, Frozen Shoulder

Hinter „Schulterschmerzen“ können sehr unterschiedliche Dinge stecken. Drei Begriffe begegnen mir in der Praxis besonders oft:

  • Schulter-Arm-Syndrom: ein Sammelbegriff für Schmerzen, die vom Nacken über die Schulter in den Arm ziehen, oft mit Verspannungen, manchmal mit Kribbeln oder Taubheitsgefühl. Häufig ist die Halswirbelsäule beteiligt.
  • Impingement-Syndrom: Unter dem Schulterdach wird es eng. Sehnen und Schleimbeutel werden eingeklemmt, vor allem beim seitlichen Anheben des Arms und bei Arbeiten über Kopf.
  • Frozen Shoulder (Schultersteife): Die Gelenkkapsel entzündet sich, verdickt und schrumpft. Erst kommt der Schmerz, besonders nachts, dann die Steife. Der Arm lässt sich in mehrere Richtungen kaum noch bewegen. Der Verlauf zieht sich oft über ein bis zwei Jahre, manchmal länger. Frauen zwischen 40 und 60 sind am häufigsten betroffen.

Diese Bilder gehen ineinander über. Aus einer Dauerverspannung im Nacken wird eine Schonhaltung, aus der Schonhaltung eine Enge im Gelenk, und ein Gewebe, das ohnehin gerade an Geschmeidigkeit verliert, reagiert darauf empfindlicher als mit dreißig.

Was wir alles auf den Schultern tragen

Unsere Sprache weiß es längst: Wir schultern Verantwortung, etwas lastet auf uns, wir nehmen zu viel auf unsere Schultern. Die Schultern sind der Ort, an dem wir tragen, halten und uns anstrengen.

Viele Frauen, die zu mir kommen, haben Jahrzehnte lang sehr viel getragen. Kinder, Beruf, Haushalt, die Sorge um die eigenen Eltern, die Stimmung in der Familie. Sie haben Kraft, Mühe und Aufmerksamkeit hineingegeben, meistens gern und meistens ohne groß darüber nachzudenken. Ich kenne das von mir selbst.

Die Lebensmitte ist ein Punkt, an dem wir diese Kraft zunehmend für uns selbst brauchen. Es ist ein guter Moment, Revue passieren zu lassen: Was trägt mich noch? Was trage ich, obwohl ich es eigentlich nicht mehr tragen möchte? Und was hat über die Jahre an Gewicht und Bedeutung gewonnen, sodass ich es behalten will?

Man muss eine schmerzende Schulter nicht psychologisch überfrachten. Manchmal ist eine Sehne einfach gereizt. Aber ganz ausblenden würde ich es auch nicht, was in dieser Zeit gerade mit uns geschieht. Körper und Leben verändern sich gleichzeitig, und die Schulter sitzt ziemlich genau an der Stelle, an der beides zusammenkommt.

Wie die chinesische Medizin auf die Schulter schaut

Die chinesische Medizin beschreibt seit rund zweitausend Jahren, dass sich bei Frauen um das 49. Lebensjahr etwas Grundlegendes wandelt: Blut und Yin, also das Nährende und Befeuchtende im Körper, werden weniger. Sehnen und Gelenke, die davon versorgt werden, verlieren an Geschmeidigkeit. Kälte, Zugluft und Überlastung setzen sich dann leichter fest. Das klingt in anderen Worten erstaunlich ähnlich wie das, was die Forschung heute über Östrogen und Bindegewebe herausfindet.

Mit Schulterbeschwerden hat die chinesische Medizin entsprechend viel Erfahrung, und sie geht dabei sehr gründlich vor. In meiner Praxis arbeite ich je nach Befund mit mehreren Verfahren:

  • Schmerztherapie, Akupunktur und Akupressur setzen direkt an der Schulter und an den Leitbahnen an, die durch Schulter, Nacken und Arm ziehen. Ziel ist, Spannung aus dem Gewebe zu nehmen und Bewegung wieder zu ermöglichen.
  • Moxa, die Wärmebehandlung mit Beifußkraut, empfinden viele Frauen gerade bei einer steifen, kälteempfindlichen Schulter als sehr wohltuend.
  • Heilkräuter werden aus meiner Sicht am meisten unterschätzt. Sie sind nichts für den schnellen Effekt. Ihre Stärke liegt darin, von innen zu nähren und zur Ruhe zu bringen, damit der Körper die Entspannung auch halten kann und die nächste Verspannung nicht schon nach einer Woche wieder da ist.

Was ich dabei immer ehrlich sage: Es braucht Geduld. Eine Schulter, die sich über Jahre festgezogen hat, lässt sich nicht in zwei Sitzungen umstimmen. Jede Frau reagiert anders, und versprechen kann ich niemandem ein bestimmtes Ergebnis. Aber die Erfahrung, auf die diese Medizin zurückgreift, ist groß.

Der Blick nach innen: Nervensystem und alte Muster

Wenn der Schulter-Nacken-Bereich nicht nur ab und zu, sondern eigentlich immer verspannt ist, lohnt sich eine zweite Frage: Was hält diese Spannung aufrecht?

Sehr oft ist es ein Nervensystem, das seit Jahren auf „Bereitschaft“ steht. Hochgezogene Schultern sind eine uralte Schutzhaltung. Wer ständig funktioniert, mitdenkt und für alle erreichbar ist, trägt sie irgendwann rund um die Uhr, auch nachts. Dazu kommt, dass der Schlaf in den Wechseljahren oft leichter wird und dem Körper damit genau die Zeit fehlt, in der er sonst loslässt.

Mit der Sinosomatics schaue ich gemeinsam mit der Patientin genauer hin. Welche Muster liegen hier? Welche alten Überzeugungen halten die Schultern oben, etwa „Ich muss das allein schaffen“ oder „Wenn ich loslasse, bricht alles zusammen“? Welche inneren Stressoren halten an dieser Verspannung fest? Das ist keine Schuldfrage und keine Deutung von außen. Es ist ein freundliches Nachsehen, was der Körper da eigentlich die ganze Zeit für uns tut.

Was du dir selbst anschauen kannst

Ein paar Fragen, die ich Frauen mit Schulterbeschwerden gern mitgebe. Nicht als Hausaufgabe, eher als Einladung, neugierig zu sein:

  • Bewegung: Bewegst du deine Schultern im Alltag noch in alle Richtungen, oder fast nur nach vorn, zur Tastatur, zum Lenkrad, zur Spüle?
  • Haltung: Wo sind deine Schultern gerade jetzt, während du das liest?
  • Schlaf: Wie liegst du, und wachst du erholt auf?
  • Lebensweise: Wie viel Wärme, Pausen und regelmäßiges Essen bekommt dein Körper?
  • Stress: Wann am Tag sind deine Schultern wirklich unten?

Sanfte, regelmäßige Bewegung hilft dem Gewebe, geschmeidig zu bleiben. Im Qigong arbeiten wir genau damit: weiche, runde Schulterbewegungen, verbunden mit dem Atem, ohne Druck und ohne Ehrgeiz.

Wann du die Schulter ärztlich abklären lassen solltest

Bitte lass Schulterschmerzen orthopädisch untersuchen, wenn sie nach einem Sturz oder Unfall auftreten, wenn du den Arm plötzlich nicht mehr heben kannst oder Kraft verlierst, wenn Taubheit oder Lähmungsgefühle dazukommen, wenn die Schulter gerötet und heiß ist oder du Fieber hast, und wenn die Beschwerden länger als ein paar Wochen anhalten. Schmerzen in der linken Schulter zusammen mit Brustenge oder Atemnot sind ein Notfall. Bei einer Frozen Shoulder lohnt außerdem ein Blick auf Blutzucker und Schilddrüse, weil beides häufiger damit zusammen auftritt.

Die Schulter als Einladung

Schulterschmerzen in den Wechseljahren sind lästig, manchmal zermürbend, und sie verdienen eine ordentliche Behandlung. Gleichzeitig zeigen sie auf etwas, das wir alle gut verstehen können: Wir haben lange viel getragen. Jetzt verändert sich der Körper, und er bittet darum, dass wir mit unserer Kraft etwas anders umgehen.

Wenn du dich hier wiedererkennst und dir Begleitung wünschst, melde dich gern bei mir in der Praxis in Einhausen. Wir schauen dann gemeinsam, was deine Schulter braucht.

Gabi Fischer-Lind, Heilpraktikerin. Schwerpunkte: Chinesische Medizin, Frauengesundheit, Schmerztherapie, Qigong.